Saunakulturen der Welt: Vom finnischen Löyly bis zum japanischen Totonou
Alle Saunakulturen der Welt folgen demselben Grundgedanken – Hitze, dann Abkühlung und Ruhe –, doch jede hat ihn anders ausgeformt: Finnland rund um den Löyly, Estland rund um den Rauch, Russland rund um den Wenik, die Türkei rund um feuchte Wärme auf Marmor, Japan rund um das Bad und den Zustand namens Totonou, Deutschland rund um den inszenierten Aufguss. Zwei dieser Traditionen, die finnische Saunakultur und die Rauchsauna von Võromaa, stehen auf der UNESCO-Liste des immateriellen Kulturerbes. Eine gut gestaltete Sauna von heute übernimmt von fast allen etwas.
Finnland: Löyly und ein alltägliches Ritual mit UNESCO-Status
Die finnische Saunakultur wurde am 17. Dezember 2020 in die Repräsentative Liste des immateriellen Kulturerbes der Menschheit der UNESCO aufgenommen – als erster Eintrag Finnlands überhaupt. Das finnische Ministerium für Bildung und Kultur beschreibt das Saunabaden als festen Bestandteil von Alltag und Festtagen, als Ort, an dem man Körper und Geist reinigt und an dem Gleichheit und gegenseitiger Respekt selbstverständlich sind.
Im Mittelpunkt steht der Löyly, der Dampf, der aufsteigt, wenn Wasser auf die heißen Steine gegossen wird. Finnische Quellen schätzen die Zahl der Saunen auf rund 3,2 Millionen – bei etwa 5,6 Millionen Einwohnern. Man findet sie in Wohnungen, Sommerhäusern, Betrieben und öffentlichen Bädern. Das Ritual selbst ist schlicht: Hitze, Löyly, Abkühlung im Freien oder im See, Ruhe – und wieder von vorn.
Die Rauchsauna: Finnlands älteste Form und Estlands lebendiges Erbe
Die ältesten finnischen Saunen waren Rauchsaunen, auf Finnisch Savusauna. Sie haben keinen Schornstein: Stundenlang brennt Holz unter einem großen Steinhaufen, der Rauch füllt den Raum. Ist das Feuer erloschen und der Rauch abgezogen, geben die Steine eine weiche, tiefe Wärme ab, und im Raum bleibt ein feiner Duft nach Holz und Teer.
Auf der anderen Seite des Finnischen Meerbusens wurde 2014 die Rauchsaunatradition von Võromaa im Südosten Estlands in die Repräsentative Liste der UNESCO aufgenommen. Das estnische Kulturministerium betont, dass dazu weit mehr gehört als das Baden: das Binden von Saunaquasten, der Bau und die Pflege der Saunen und sogar das Räuchern von Fleisch. Gepflegt wird die Tradition vor allem in der Familie, häufig samstags sowie vor großen Feiertagen und Familienfesten.
Russische Banja und türkischer Hamam
Die russische Banja ist ein feuchtes, intensives Dampfbad, dessen Herzstück der Wenik ist: ein Bündel belaubter Birken- oder Eichenzweige. Eingeweicht und geschmeidig, dient er dazu, heiße Luft über den Körper zu führen und die Haut zu massieren. Dieses Ritual heißt Parenie und wird oft von einem erfahrenen Bademeister geleitet. Historisch nutzten alle Gesellschaftsschichten die Banja, und sie spielte bei Geburt, Hochzeit und Tod eine rituelle Rolle.
Der Hamam folgt einem anderen Prinzip. Ein osmanisches Bad ist eine Abfolge von Räumen statt einer einzelnen Schwitzkabine: ein Heißraum (Sıcaklık), ein Warmraum und ein kühler Ruheraum (Soğukluk), in dem man Tee oder Wasser trinkt. Im Heißraum liegt man auf dem Göbek Taşı, einer beheizten Marmorplattform, während Badediener schrubben und waschen. Die Temperatur ist mit typischerweise rund 40 °C milder, die Luftfeuchtigkeit dafür sehr hoch – und Kuppeln, Marmor und gedämpftes Licht gehören zum Erlebnis dazu.
Japan: Sento, Onsen und die Suche nach Totonou
Japans Badekultur dreht sich um das Wasser. Ein Onsen nutzt natürliches Thermalwasser und unterliegt dem Hot Springs Act; als heiße Quelle gilt Wasser, das mit mindestens 25 °C austritt oder bestimmte Mineralstoffe enthält. Ein Sento ist dagegen ein öffentliches Badehaus im Viertel, meist mit erwärmtem Leitungswasser, geregelt durch das Gesetz über öffentliche Badehäuser und seit jeher ein Treffpunkt der Nachbarschaft.
Saunen gehören seit Jahrzehnten dazu, doch derzeit erlebt Japan seinen dritten großen Saunaboom. Großen Anteil daran hat Sado (Der Weg der Sauna), der Manga von Katsuki Tanaka, 2011 als Buch erschienen und 2019 von TV Tokyo als Serie verfilmt. Er machte das Wort Totonou bekannt, sinngemäß „in Ordnung kommen“: jener ruhige, klare Zustand, den viele nach mehreren Runden aus Sauna, Kaltbad und Ruhe an der frischen Luft beschreiben. Japanische Saunen sind seither für sorgfältig gestaltete Ruhezonen, tiefe Kaltbecken und Außenbereiche bekannt.
Deutschland und Österreich: Saunakultur und die Kunst des Aufgusses
Im deutschsprachigen Raum hat sich die Sauna zu einem klar strukturierten öffentlichen Ritual entwickelt. Bekanntestes Element ist der Aufguss: Ein ausgebildeter Saunameister gießt Wasser, meist mit ätherischen Ölen versetzt, auf die Steine und verteilt die heiße, duftende Luft anschließend mit einem großen Handtuch über die Bänke. Aufgüsse finden nach Plan statt und dauern in der Regel etwa zehn bis fünfzehn Minuten.
Inzwischen ist der Aufguss auch eine Bühnenkunst. Der Verein AUFGUSS WM richtet internationale Meisterschaften aus, bei denen Saunameister einzeln und im Team antreten und Hitze, Duft, Musik, Licht und Choreografie verbinden; die Weltmeisterschaft 2026 fand im September im Satama Sauna Resort & Spa in Deutschland statt. Der Deutsche Sauna-Bund veranstaltet zudem eine eigene Deutsche Aufguss-Meisterschaft.
Das neue Saunafieber in Großbritannien und Nordamerika
Auch außerhalb ihrer traditionellen Heimat wächst die Sauna rasant – vor allem als gemeinschaftliches Erlebnis. Nach Angaben der 2014 gegründeten British Sauna Society hat sich die Zahl öffentlicher Saunastandorte im Vereinigten Königreich zwischen 2023 und 2024 mehr als verdoppelt; viele der neuen liegen an Stränden, Flüssen und Häfen. In Nordamerika setzt sich die North American Sauna Society für die traditionelle finnische Sauna mit Löyly und frischer Luft ein – in bewusster Abgrenzung zur trockenen Hotel- oder Fitnessstudio-Sauna.
Auch das Interesse an der Gesundheit spielt eine Rolle. Eine häufig zitierte finnische Kohortenstudie mit 2.315 Männern mittleren Alters, 2015 in JAMA Internal Medicine veröffentlicht, fand bei häufigerem Saunabaden ein geringeres Risiko tödlicher Herz-Kreislauf-Ereignisse. Solche Studien zeigen einen Zusammenhang, keinen Beweis für Ursache und Wirkung. Wer eine Herzerkrankung oder andere gesundheitliche Bedenken hat, sollte vor dem Saunabesuch ärztlichen Rat einholen.
Was eine Luxussauna von jeder Tradition übernimmt
Eine zeitgemäße Sauna gehört selten nur einer Kultur an. Von Finnland übernimmt sie einen gut dimensionierten Ofen mit ausreichend Steinmasse für einen weichen, umhüllenden Löyly sowie die direkte Verbindung nach draußen zum Abkühlen. Von der Rauchsauna die gespeicherte Wärme und den ehrlichen Duft des Holzes. Von Banja und Hamam die Idee, dass eine Sauna eine Abfolge von Räumen ist – zum Waschen, Schwitzen und Ruhen – und dass Materialien wie Holz und Stein das Erlebnis ebenso prägen wie die Temperatur.
Aus Japan stammt die Aufmerksamkeit für die Ruhe: ein Kaltbad nur wenige Schritte entfernt, ein geschützter Sitzplatz im Freien und eine ruhige, aufgeräumte Gestaltung, die Totonou ermöglicht. Vom deutschen Aufguss kommen Belüftung und Raumhöhe, die heiße Luft zirkulieren und Düfte tragen lassen. Die besten modernen Saunen, ob privat oder öffentlich, sind für den gesamten Kreislauf aus Hitze, Kälte und Stille gestaltet – nicht nur für den heißen Raum.
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Häufige Fragen
Steht die finnische Sauna auf der UNESCO-Liste?
Ja, die finnische Saunakultur wurde am 17. Dezember 2020 in die Repräsentative Liste des immateriellen Kulturerbes der Menschheit der UNESCO aufgenommen. Es war Finnlands erster Eintrag auf dieser Liste. Die Rauchsaunatradition von Võromaa in Estland steht bereits seit 2014 darauf.
Was bedeutet Totonou in der japanischen Saunakultur?
Totonou bedeutet sinngemäß „in Ordnung kommen“ und beschreibt das ruhige, klare Gefühl, das viele nach mehreren Runden aus Sauna, Kaltbad und Ruhe erleben. Bekannt wurde der Begriff durch Katsuki Tanakas Manga Sado und dessen Verfilmung als TV-Serie von TV Tokyo im Jahr 2019.
Worin unterscheiden sich Aufguss und finnischer Löyly?
Löyly ist der Dampf, der beim Begießen der Steine entsteht – meist durch die Badenden selbst –, während der Aufguss ein von einem Saunameister geleitetes Ritual ist. Beim Aufguss ist das Wasser in der Regel mit ätherischen Ölen versetzt, und die heiße Luft wird mit einem Handtuch im Raum verteilt.
Quellen
- Finland's sauna culture inscribed on UNESCO Intangible Cultural Heritage List – Ministry of Education and Culture, Finland
- Sauna culture in Finland – UNESCO Intangible Cultural Heritage
- Smoke sauna tradition in Võromaa added to UNESCO Representative List – Estonian Ministry of Culture
- Hot Spring, Sento, and Super Sento: Legal Differences – Samurai Sauna Magazine
- AUFGUSS WM – International Aufguss Championships
- Deutsche Aufguss-Meisterschaft 2025 – Deutscher Sauna-Bund
- The hottest wellness trend in the UK: communal sweating in saunas – Euronews
- Association Between Sauna Bathing and Fatal Cardiovascular and All-Cause Mortality Events – JAMA Internal Medicine
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